Die Herausforderung des Subjektiven Clemens Fehringer erfüllt sich einen Lebenstraum und vereint viereinhalb Jahrzehnte Fotografie in einem Buch

von Lorenz Trapp

„Ein Rapshalm im Winter, der überlebt hat“, ist eines der Motive, die er als Beispiel für das erfolgreiche Suchen eines Fotografen nennt. Nicht wenige seiner Motive findet er in der Natur, sagt Clemens Fehringer über seine Arbeit als Fotograf, als „Lichtzeichner“, und hier distanziert er sich ein bisschen vom Suchen: Das Finden wird zum Wesentlichen, das Finden, das Gestalt annimmt im Blick für das Licht, im Auge für die Proportion, im Gespür eben für den Augenblick. Nun hat Clemens Fehringer ein Buch herausgebracht, das diese „Augenblicke im Licht“ festhält – Augenblicke, die Vergangenes und Gegenwärtiges für die Zukunft festhalten. 
Der Gedanke, einen eigenen Fotobildband zu machen, existierte in ihm schon seit Langem: „Eine Idee muss anscheinend einen gewis­sen Reifungsprozess durchmachen“, blickt er auf den Entstehungsprozess zurück. „Viele Aspekte kommen auf den Prüfstand und werden dann am nächsten Tag wieder verworfen!“ Dies betrifft die Bildauswahl, die Gestaltung des Buches, die Textpassagen, doch trotz allem: „Es hat auch viel Spaß gemacht!“ Er habe, sagt Clemens Fehringer, in diesem Bildband, der nicht nur faszinierende Fotos präsentiert, sondern ebenso brillante Texte enthält, sein Leben fotografisch wieder aufgerollt. „Unheimlich viel Arbeit“ stecke in diesem Buch, doch diese Arbeit hat sich gelohnt: „Ich erfülle mir damit einen Lebenstraum!“

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Alles begann mit einer Kodak Retinette: Nun legt Clemens Fehringer einen wundervollen Bildband vor.

Dabei begann alles ganz unspektakulär. Als er als 13-Jähriger im September 1960 in die Realschule übertrat, ahnte er noch nicht, wie ihn das damalige Wahlfach Fotografie prägen und beschäftigen sollte. Einer seiner damaligen Lehrer, Gerhard Hellmann, war ein begnadeter Fotograf und in diesem Metier „mit allen Wassern gewaschen“. Er verstand es, den jungen Clemens für die Fotografie zu begeistern. „Aber wer besaß damals von den Schülern schon einen Fotoapparat?“, erinnert sich Clemens Fehringer, „Niemand!“

Aus der Not wurde eine Tugend, und Clemens Fehringer lernte in der Dunkelkammer der Realschule, wie sich Fotos auch ohne Kamera herstellen lassen: „Wir produzierten Fotogramme in allen Variationen und lernten spielerisch, mit lichtempfindlichen Materialien umzugehen.“ So entstanden auch Bilder, die „mit Licht gezeichnet“ wurden, also von der tatsächlichen Bedeutung des Wortes „Fotografie“ ausgingen.

Seine Mutter, die selbst mehrere Jahre als Fotografin tätig war, stellte ihm eines Tages ihre „Kodak Retinette“ zur Verfügung und legte damit – und mit dem „vielleicht schon in die Wiege gelegten Talent“ – das Fundament für den fotografischen Werdegang Clemens Fehringers. Er war infiziert, und als „Blende 8 und 1/125 Sekunde“, die damals gängige Faustregel für gute Belichtungen, doch nicht immer zum gewünschten Erfolg führte – „insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen“ – kaufte er sich zur Retinette noch einen günstigen Belichtungsmesser, was rasch zu sichtbar besseren Resultaten führte.

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Mit der erfolgreichen Fotogruppe der Realschule kam Clemens Fehringer mit der Wettbewerbsfotografie in Berührung, eine Herausforderung, die ihn bis auf den heutigen Tag nicht ganz losließ. Bereits 1963 trat er dem Fotoclub bei, der heute „Fotofreunde VHS Pfaffenhofen“ heißt. Noch immer ist er Mitglied in diesem „Ensemble von Individualisten“, mit dem er an unzähligen Wettbewerben nicht unerfolgreich teilgenommen hat, und doch hat er in den letzten Jahren bewusst die Wettbewerbsfotografie vernachlässigt – zugunsten der explizit künstlerischen Fotografie.

Hier gelingt es ihm, das zufällig Gesehene, das man im Normalfall übersieht, oder Dinge, an denen man achtlos vorübergeht, weil sie dem Betrachter als zu alltäglich und nebensächlich erscheinen, so abzulichten, dass bei genauem Hinsehen oft abstrakte Gebilde, Formen oder Wesen entstehen: Das Finden dominiert das Suchen. Eine weitere Vorliebe entwickelte er im Laufe der Zeit für die „serielle Fotografie“ und gestaltet hier Bilder oder Bildausschnitte zu eigene Bildmustern – zu Bildkompositionen. In seine Arbeiten lässt er die unterschiedlichsten Strömungen der Fotografie einfließen, und als Dozent an der Volkshochschule „versucht er“, wie er es mit Understatement umschreibt, diese Erfahrungen weiter zu geben.

Bei so viel Fotografie scheint es fast unglaublich, dass Clemens Fehringer nach der mittleren Reife zuerst die „Beamtenlaufbahn“ im mittleren und gehobenen Dienst einschlug. Vor Kurzem erst hat er sich nach fast 42 Jahren Tätigkeit im öffentlichen Dienst als Verwaltungsamtsrat der AOK in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, und im Rückblick stellt er fest, dass sich manche berufliche Belastungen oder auch gesundheitliche Tiefschläge sich mit Hilfe der Fotografie – der „schönsten Nebensache der Welt“ – leichter bewältigen ließen. Dazu barg seine Tätigkeit noch einen weiteren Vorteil: „Ich habe die Landschaft im Wandel der Jahreszeiten gesehen!“

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Sein Bildband zeigt nun von den vielen Gesichtern der Fotografie – vom Schnappschuss über die Reportagefotografie bis zur Wiedergabe abstrakter Sujets auf handgefertigten Abzügen in limitierten Editionen – diejenigen Facetten der Lichtbildnerei, die sein persönliches fotografisches Schaffen geprägt haben. „Es ist ein großer Irrglaube“, erklärt Clemens Fehringer, „der Fotografie per se eine gewisse Objektivität zuzuschreiben“. Wie Malerei oder Bildhauerei sei Fotografie eine zutiefst subjektive Kunst, die von vielen Faktoren beeinflusst werde, die die Umwelt des Künstlers und ihn selbst – seine Motivation, seinen Charakter, seine Themensetzung, seine Vorlieben und Aversionen – definieren. Ebenso subjektiv ist die „schmale Auswahl“ aus seinem geradezu gigantischen Bildschatz aus viereinhalb Jahrzehnten und Clemens Fehringer hat – wer den Band betrachtet, wird sagen: „mit glücklicher Hand“ – die Fotos ausgewählt, an denen ihm auch persönlich sehr viel liegt. Andererseits zeigt die Retrospektive auch einen repräsentativen Querschnitt der Fotos, die im Lauf der letzten Jahre und Jahrzehnte auf Ausstellungen und Wettbewerben erfolgreich waren.

Als echter „Photograph“, als „Lichtbildner“, arbeitet Clemens Fehringer überwiegend analog und seit Jahrzehnten hauptsächlich in Schwarz-Weiß. Vor einigen Jahren, nach der Eroberung der schnelllebigen Welt durch die Digitalkamera, kam er nicht drum herum, sich auch mit digitaler Fotografie auseinander zu setzen. „Sonst“, er sagt es fast entschuldigend, „kann ich den jungen Burschen nichts mehr sagen“. Auch seine Arbeit am Computer bei der Bildbearbeitung beschränkt sich nur auf das Nötigste, um, wie er sagt, „mitreden“ zu können.

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Sein wichtiger Helfer an der Kamera ist und bleibt das Licht- und Schattenspiel der Tageszeiten, und in seiner Schwarz-Weiß-Fotografie verstärkt sich die Wirkung vieler Motive, weil die Fotos von bildwirksamen Strukturen, Kontrasten sowie grafischen Reizen geprägt sind. Eindruckvoll belegt dies sein Bildband „Fotografien 1964 – 2009“, der nicht nur Clemens Fehringers Schaffen über diesen Zeitraum dokumentiert, sondern auch zeigt, wie der „Lichtbildner“ auf seinen Reisen, die ihn rund um den Globus führten, das jeweils spezifische Licht gefunden und ihm mit seiner Kamera einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt hat. „Alltägliches, Gefundenes, zufällig Gesehenes“ wird zur eigenständigen abstrakten Komposition, Dinge werden aus ihrem Zusammenhang gerissen und kommen neu zur Geltung.

Seine Schwarz-Weiß-Arbeiten – sehr häufig künstlerische Unikate auf Silbergelatine-Barytpapier – sind in Handarbeit im eigenen Fotolabor entstanden, und mit der gleichen Sorgfalt und der gleichen Liebe zum Detail hat er nun diesen wunderschönen Bildband gestaltet, dessen Fotos nicht nur dem Auge des Betrachters Freude bereiten, sondern dazu auch noch eine Geschichte erzählen: ihre eigene und die des Clemens Fehringer.