Der Auftakt beim Pfaffenhofener Kultur-Sommer 2009 Grau ist alle Theorie – führt das Wetter Strategie

von Hellmuth Inderwies 

Johannes Stüttgens Weg zur „Sozia­len Plastik“, den er in seinem programmatischen Vortrag zum Auftakt des Kultursommers 2009 wortreich rezitierte, endete zumindest in Pfaffenhofen zunächst in einer Sackgasse. Ein wolkenverhangener Himmel mit sporadischen Regenschauern hat es verhindert, dass sein etwas wässeriges Impulsreferat auch nur im Ansatz Bestätigung erfuhr. Allein die wirklich Kunstbeflissenen, die ohnehin kaum von ihrer Leidenschaft überzeugt werden müssen, nahmen nach der Eröffnung im Festsaal des Rathauses an der tags darauf veranstalteten „Nacht der Kunst“ regen Anteil. Die große Masse aber vermied es entgegen der Forderung des Schülers von Joseph Beuys „sich von den von außen diktierten Grundsätzen, Handlungen und Gewohnheiten zu befreien und sich aus dem Bewusstsein einer Erstarrung zu lösen.“ (So seine Diktion!) Man zog es weitgehend vor, nicht „die Leiden der Welt wahrzunehmen, um schrittweise auf eine höhere Bewusstseins­ebene zu gelangen.“ 

Fulminanter Auftakt für
vier Wochen Feuerwerk

Dabei war in dieser Nacht eine konzentrierte Vielfalt von 46 attraktiven Veranstaltungen geboten, wie es Bürgermeister Thomas Herker ausdrückte, die in der Tat ein sehr breites Echo verdient gehabt hätten. Es ist bedauerlich, dass die umfangreichen und langwierigen Bemühungen der Verantwortlichen (Geschäftsleute, Vereine und Stadt) und die Darbietungen der Künstler weder von den Pfaffenhofenern noch von Auswärtigen mit adäquatem Interesse belohnt wurden.

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Aufsteigende Kopflinie: Thomas Herker, Manfred „Mensch“ Mayer und Johannes Stüttgen

Ein fulminanter Auftakt sollte es werden, gewissermaßen eine Initialzündung für vier Wochen Feuerwerk, in denen Pfaffenhofen durch die Kultur zum Leuchten gebracht wird. Die Referenten für Musik und Galerie und für internationale Beziehungen Peter Feßl und Reinhard Haiplik wussten bei der Vorstellung des Gesamtprogramms in der Tat Neugierde und Vorfreude auf die bevorstehenden vier Kulturwochen in der Kreisstadt zu wecken. (N. B.: Der abwesende städtische Kulturreferent Steffen Kopetzky hatte es vorgezogen seine eigene Person im Rahmen einer Lesung bei der Berliner Büchernacht vorzustellen!) Sie zeigten auf, dass trotz der großen Vielfalt des Angebots und der sehr unterschiedlichen Ausrichtung der Veranstaltungen das Festival doch eine wohl durchdachte Struktur mit einer inneren Symmetrie besitzt. Augenscheinlich hat das seit Mai 2008 in der Verantwortung stehende neue Kulturtriumvirat bei seiner ersten Programmgestaltung das bewährte Konzept des letzten Jahrzehnts mit der in Pfaffenhofen unumgänglichen Zusammenarbeit der Stadt und der kulturtragenden Vereine, Gruppen und Künstler beibehalten und mit größerem finanziellen Aufwand weiter ausgebaut.

Ein Großteil der Programmpunkte gehört – teilweise seit Jahren – zum festen Repertoire des bisherigen Kultursommers bzw. der Europäischen Kulturtage, so die „Nacht der Kunst“, das „Open-air-Konzert“ am Sparkassenplatz, das „Graffiti-Projekt“ und die „Fotogehgrafie“, das „Akkordeonkonzert“, eine Ausstellung in der Städtischen Galerie, das Konzert der Städtischen Musikschule, das Kulturkino im CinradoPlex, Dichterlesungen und Theater usw. usw.

Die neu gestaltete, 31 Seiten umfassende Programmbroschüre hat der alten Pfaffenhofener Dame „Kultur“ allerdings den gewohnten bunten Schmetterling als Logo für ihre Vielfalt genommen und ihr Teint dafür mit etwas zu penetrantem Rouge aufgemöbelt, wobei die Gestaltung der Titelseite stark an Joseph Beuys Stempelmanie in gleicher Farbe erinnert. Ohne Zweifel verstärkte sich damit der erotische Appellcharakter erheblich wie überhaupt die Druckwerbung eine gesteigerte Intensivierung erfuhr.

Sonst freilich bleibt Vieles beim Alten. In einem Mittelzentrum wie Pfaffenhofen gebietet dies fraglos die Vernunft. Will man einen vertretbaren Haushaltsrahmen nicht sprengen und sich nicht in einen anmaßenden Wettbewerb mit großen Kulturzentren stürzen, müssen für einen lebendigen und niveauvollen Kulturbetrieb mit eigenständigem Profil primär die lokalen Möglichkeiten genützt und maßvoll mit finanzierbaren überregionalen Impulsen versehen werden. Für Letzteres ist vorweg auch die enge Zusammenarbeit mit dem „Arbeitskreis für gemeinsame Kultur der bayerischen Städte“, dem Pfaffenhofen seit 2003 angehört, unabdingbar notwendig. Wenn er im nächsten Jahr ein landesweites Musikprojekt ähnlich dem von „Kunst im Fluss“ (2008) in Szene setzt, darf die Kreisstadt nicht abseits stehen. Sie braucht als Mittel gegen kulturelle Inzucht solche Impulse von außen.

Hierfür und vor allem für den fulminanten Auftakt des diesjährigen Kultursommers sollte vornehmlich eben jenes Impulsreferat von Johannes Stüttgen sorgen, der sich zuvor schon mit seiner Bürgerinitiative „Omnibus für direkte Demokratie“ auf dem Hauptplatz den Bürgern bekannt gemacht hatte. Ziel dieser Aktion ist es, über Plebiszite (wie z. B. in der Schweiz) jedem Einzelnen mehr Verantwortung in einem Gemeinwesen auf allen Gebieten zu übertragen. Er führt damit ein Vermächtnis seines Lehrers Joseph Beuys fort, der durch die Gründung seines „Büros der Organisation für direkte Demokratie“ (1971) dieses Anliegen auf der Basis einer neuen Definition der Kunst in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Es handelt sich dabei um die These: „Jeder Mensch ist ein Künstler!“ Als solcher trägt er ausschließlich selbst die Verantwortung für die Form des aus ihm kommenden und nur von ihm geschaffenen Kunstwerks. Alles, was an ihn von außen herangetragen wird, ist belanglos und kann nicht beanspruchen als eine „künstlerische Tat“ bezeichnet zu werden. Es bedarf vielmehr des eigenen Denkprozesses, damit sich die Emanzipation hin zur totalen Freiheit des Individuums vollziehen kann und eine höhere Ebene des Bewusstseins erreicht wird, das ihn zu globaler Verantwortung verpflichtet (s. Kant!).

Dieser Prozess kann nicht problemlos vonstatten gehen. Er führt von der „gegenwärtigen Normallage“ unweigerlich in die Krise, die überwunden werden muss, will der Mensch jene geistige Ebene erreichen, die ihn dazu befähigt, bei der Erstellung der „sozialen Plastik“ mitzuwirken. Damit ist nichts Anderes gemeint als das kreative Handeln des Einzelnen zum Wohl der Gesellschaft auf dem Weg von der gegenwärtigen Situation hin zu einem Idealzustand. Das von Manfred „Mensch“ Mayer ins Leben gerufene Regionalgeld „Der Hallertauer“ (Eine gelungene Festschrift über „5 Jahre Netzwerk“ lag auf.), das ohne Zweifel heute schon eine wichtige soziale Funktion erfüllt, sieht Stüttgen lediglich als ein Indiz dafür, dass ein Bewusstsein für die Krise als Übergangssituation hin zu einer erstrebten globalen Gemeinschaft entsteht. Weil es Aufgabe der Kunst sei, diesen umfassenden Prozess deutlich zu machen, wurde von Beuys der Begriff der „erweiterten Kunst“ geprägt. Denn das Leben sei schlechthin ein Gesamtkunstwerk. Kunst sei nicht eine schön bemalte Oberfläche, sondern betreffe die Ganzheit des Lebens (s. deutsche Romantik!).

Das kreative Handeln des Menschen solle nach Stüttgen vor allem in den zentralen Bereichen Politik und Wirtschaft zu Veränderungen führen. Kapital werde im Sinne der „sozialen Plastik“ nicht mehr als Geldwert gesehen, sondern bedeute einerseits die Fähigkeit, etwas zu gestalten und andererseits das, was durch Arbeit geschaffen werde. Kapital bestehe also in menschlichen Fähigkeiten und den mit ihnen hervorgebrachten wirtschaftlichen Werten. Ein solcher Kapitalbegriff führe unweigerlich zur Frage nach seiner Rechtsform und zur Frage nach der Funktion des Gelds, das notwendig sei für die Produktion von Gütern und deren Preisgestaltung sowie als Einkommen (nicht Lohn!) des Menschen zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Geld beziehe sich nicht auf die Fähigkeiten des Menschen oder auf die hergestellten Produkte, sondern sei lediglich Rechtsregulator des Wirtschaftskreislaufs und Medium der Kommunikation. Damit bestehe kein Zusammenhang zwischen Geld und Kapital, sondern es gebe lediglich eine Identität zwischen Kunst und Kapital.

Kaum an der Seele
der Zuhörer gekratzt

Mit einer Unzahl von bunten Kreiden bewaffnet, suchte Johannes Stüttgen sein philosophisches Modell zur Entstehung einer besseren Gesellschaft an einer Tafel zu veranschaulichen. Es entstand ein Dickicht von Pfaden, das eher einem abstrakten Gemälde glich als es der Verdeutlichung seiner Gedankenwelt diente. Zumindest konnte er damit kaum im Sinne Beuys schmerzhaft „an der Seele seiner Zuhörer kratzen“. Ob er sie für seine Gedanken öffnete, blieb trotz freundlichem Applaus fraglich. Es wäre notwendig gewesen, zentrale Begriffe seines Vortrags klar zu definieren: Was heißt nach seiner Meinung „Freiheit“, die er lediglich als das höchste Gut im Rahmen der menschlichen Evolution bezeichnete? Wie steht er zum Freiheitsbegriff etwa des Existenzialismus: „Der Mensch ist dazu verdammt, frei zu sein“? Wie groß ist die Gefahr der Auflösung der Kontinuität im Leben des Menschen bzw. der Gesellschaft? Wie verträgt sich sein totaler Freiheitsbegriff mit jener totalen Verantwortung, wie sie die „soziale Plastik“ fordert? Muss man in diesem Rahmen unbedingt die Schule als Erziehungs- und Bildungsinstitution verdammen, die doch gerade in unserer Zeit noch mit am meisten Verantwortung trägt?

Die im Vortrag vermissten klaren Definitionen bedürfen freilich konkreter Normen, die der Mensch aus seinen Erfahrungen heraus entwickelt. Er ist nun einmal ein Wesen, das nicht nur opportunistisch in die Zukunft blickt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, sich zu erinnern. Die Vergangenheit aber wurde von Stüttgen als Haupthemmnis für eine gestalterische Tätigkeit des Menschen abgetan. Wie steht er zur Volkskunst, die auf tradierten Sitten und Gebräuchen aufbaut? Die Geschichte ist doch einziges Fundament dafür, die Form einer künftigen Weiterentwicklung spürbar werden zu lassen und bewerten zu können. Dieser Bezug blieb gänzlich unerwähnt, obgleich die zwangsläufige Krisensituation, die es auf dem Weg zur „sozialen Plastik“ zu bewältigen gilt, doch ein wenig an den Historischen Materialismus eines Karl Marx erinnert, der die Revolution als Voraussetzung für das Entstehen einer sozialistischen Gesellschaft sah. Welche Konsequenzen ergeben sich zudem aus der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit des Menschen? Sie führt doch unweigerlich zu einem Vergleich und birgt so die Gefahr die von Stüttgen zu Recht verteufelten Profitgelüste des Menschen ganz und gar nicht zu beseitigen. Denn der Mensch ist nun einmal von Natur aus nicht nur ein zur Einsicht fähiges geistiges Wesen, sondern er besitzt auch noch eine oft schwer kontrollierbare Emotionalität. Wenn auch nur „Impulsreferat“ über fast zwei Stunden . . . Es blieben zentrale Fragen offen!

Max Hanft, der erste Kulturförderpreisträger der Stadt Pfaffenhofen, überzeugte im Rahmenprogramm mit seiner großartigen Darbietung am Klavier (W. A. Mozart und A. E. L. Satie) die Zuhörer bei weitem mehr. Der Beifall für ihn bewies, dass man seine Kunst verstand.